„Nur gut getestet reicht nicht aus“.

Kindersitztest in Landsberg, Versuchsaufbau. Foto: Andreas Ratzek

Prüfsiegel, Testsieger oder Prädikate sollen Händler wie Ver­braucher vor dem Kauf minderwertiger Produkte schützen. Der halbjährliche ADAC-Kindersitz-Crashtest, betreut von Projektingenieur Andreas Ratzek, steht besonders hoch im Kurs.

Andreas Ratzek hat an der Fachhochschule München Maschinenbau studiert und 2001 beim ADAC als Versuchsingenieur angefangen. Seit 2004 betreut er verantwortlich den ADAC Kindersitztest. Ratzek ist Vater zweier Töchter im Alter von zwölf und 15 Jahren.

Den Testergebnissen, die der ADAC wie auch die Stiftung Warentest ver-öffentlichen, wird von den deutschen Verbrauchern eine hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Dabei erwecken die unterschiedlichen Testsiegel zuweilen den Eindruck, dass ihnen unabhängige Tests zugrunde liegen. Tatsächlich aber handelt es sich bei den Tests von Autositzen für Kinder um gemeinsam erarbeitete Ergebnisse einer halbjährlich durchgeführten Testreihe.

Die Crashversuche werden im ADAC-Technikzentrum in Landsberg am Lech unter der Leitung des Projektingenieurs Andreas Ratzek vorgenommen. Um herauszufinden, ob die aktuellen Modelle unterschiedlichster Hersteller den nötigen Anforderungen entsprechen, lässt Ratzek im Sitz festgeschnallte und mit Sensoren gespickte „Dummies“ samt Auto gegen Barrieren krachen oder er analysiert, ob die Bestandteile der Sitzkonstruktion unerlaubt hohe Mengen gesundheitsgefährdender Substanzen enthalten.

Bereitet ein Kindersitz beim ADAC-Test Probleme, so erfährt der betroffene Hersteller das schon vor der Veröffentlichung der Ergebnisse und kann den Ursachen auf den Grund gehen sowie eine Stellungnahme abgeben. Dabei stellt der ADAC Anforderungen an die Hersteller von Autositzen, die über die gesetzlichen Zulassungskriterien hinausgehen.

kiddies: Warum reichen aus Ihrer Sicht die gesetzlichen Anforderungen nicht aus? 

Andreas Ratzek: Die gesetzlichen Anforderungen werden zwischen einer Vielzahl von europäischen Ländern ausgehandelt und stellen so einen gewissermaßen „kleinsten gemeinsamen Nenner“ dar. Gegenüber Ländern, in denen keine vergleichbaren Anforderungen an Autositze und Nutzer gestellt werden, bewirken diese gesetzlichen Normen ein deutlich höheres Maß an Kindersicherheit.

Unsere Testanforderungen gehen aber noch ein Stück weit darüber hinaus, um ein noch breiteres Spektrum an verkehrsüblichen Unfallsituationen abzubilden. Mit der Einführung der Norm ECE R129 sind inzwischen immerhin Zulassungstests mit Seitenaufprall Vorschrift geworden. Abweichend testen wir aber noch immer mit höheren Geschwindigkeiten, weil die kinetische Energie bei steigender Geschwindigkeit überproportional zunimmt. Die Sitze der namhaften Markenhersteller bieten heutzutage alle eine hohes Sicherheitsniveau.

Ein Test, vier Siegel: Die zweimal pro Jahr durchgeführten Kinder­sitz­tests werden gemeinsam von ADAC, ÖAMTC, Stiftung Warentest und TCS durchgeführt. Jede Organisation publiziert diese selbstständig und vermarktet sie unter ihrem Logo. Darum wird der gleiche Test mitunter so wahrgenommen, als handle es sich dabei um mehrere voneinander unabhängige Unter­suchungen. Einige Anbieter von Kindersitzen nutzen mitunter zwei oder gar alle vier Auszeichnungen mit dem gleichen Test­ergebnis und erwecken den Eindruck, dass die Produkte in verschiedenen Tests gute Ergebnisse erzielen konnten.

kiddies: Warum können nicht alle Modelle getestet werden, sondern immer nur eine Auswahl? 

AR: Wir versuchen, alle marktrelevanten Angebote unter die Lupe zu nehmen. Doch die Angebotsvielfalt hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Daher konzentrieren wir uns in der Regel auf das Einsteiger- und das Spitzenmodell eines Herstellers in einer Gruppe. Hersteller variieren ihre Produkte heute teilweise so stark in Bezug auf Stoffe, marginale Produktunterschiede oder in Form von Ausführungen für bestimmte Handelsgruppen, dass sich das ökonomisch nicht sinnvoll in den Tests abbilden lässt.

kiddies: Apropos: ökonomisch. Wer bezahlt die Tests eigentlich? 

AR: Wir erzielen zwar geringe Lizenzeinnahmen aus der Siegelnutzung durch die Industrie. Diese dienen aber vor allem als Mechanismus, eine markenrechtlich nicht abgedeckte Nutzung zu verhindern. Die Kosten des Technikzentrums und damit auch unserer Tests im Kindersitzbereich tragen die Mitglieder des ADACs. Die Industrie wird dazu aus Gründen der Unabhängigkeit nicht herangezogen.

kiddies: Die Testergebnisse des ADAC werden weithin geschätzt. Gibt es Aspekte, die in ihren Urteilen nicht abgebildet werden können?

AR: In der Tat. Unsere Crashtests beziehen sich auf neue Modelle direkt nach dem Kauf. Wie sich das Material allerdings in einem Mehrkinderhaushalt bei einer Nutzung über die Dauer von sechs bis acht Jahren verhält, ist nicht abdeckbar. Gebrauch, Ermüdung und auch Verschmutzungen wirken auf die Produkte ein und können das Sicherheitspotenzial reduzieren.

Auch kommt natürlich der korrekten Verwendung durch den Verbraucher eine große Bedeutung zu. Leider ist der Anteil einer falschen Handhabung relativ hoch. Nicht ausreichend gestraffte Hosenträgergurte sind da nur ein Beispiel. Nur gut getestet reicht nicht aus. Daher sollen sich Käufer eines Autositzes die korrekte Handhabung zum Beispiel durch einen Fachhändler zeigen lassen.

Selbst der ADAC bietet mit „Sicher im Auto“ Schulungen an. Manche Modelle weisen technische Signale bei einer ausreichenden Straffung auf oder klappen Seitenprotektoren automatisch aus.